18. Was bedeutet „Jesus ist der Herr“?

Stellt sich der Koran vor, dass die Christen Jesus ‚vergöttert‘ haben?

Die Judäer sagten einst zu Jesus: „Du machst dich selbst zu Gott“ (Johannes 10:33); sie taten so, als glaubten sie, Jesus, der wahre König der Juden, gebe sich als heidnischer König aus, wie z. B. Antiochus IV, der sich gerne als ‚Epiphanes‘, d. h. als Erscheinung Gottes, bezeichnete, oder wie Julius Caesar, der nach seinem Tod im Jahr 44 v. Chr. tatsächlich als ‚göttlich‘ bezeichnet wurde (Imperator Iulius Caesar Divus). Der Jude Philo von Alexandria reagierte auf diese Absurdität kurz nach 41 n. Chr. in seiner Legatio ad Caium auf seine Weise: „Gott würde sich eher in einen Menschen verwandeln als ein Mensch in Gott“ ‒ in Anspielung auf die schockierende Szene, die er in Rom gesehen hatte, als sich der Kaiser Caius Caligula als Jupiter verkleidet gezeigt hatte [1].  Alles in allem spielt Philo auf die jüdische Hoffnung auf einen Gott an, der sein Volk besuchen wird, und er hat offensichtlich gehört, was die Anhänger Jesu sagten.

Auf den Vorwurf, sich (in heidnischer Manier) selbst zu Gott zu machen, erwidert Jesus, dass er durch den einen Gott geweiht wurde. Er verwendet das Wort ‚geweiht‘, dessen Wurzel QDSh sich auf das Heiligtum bezieht [2]. Das Heiligtum ist der Ort des Gebets, der Ort, an dem Gott seine Gegenwart manifestiert. Diese Antwort Jesu, die mitten im Fest der Einweihung ausgesprochen wird, ist sehr bedeutsam:

„Zu demjenigen, den der Vater geweiht [Wurzel QDSh] und in die Welt gesandt hat, sagt ihr: ‚du lästerst Gott‘ “ (Johannes 10:36).

Bei einer anderen Gelegenheit erklärt Jesus (‘Issa), dass das, was jemanden davon abhält, an ihn zu glauben, ein Urteil ist, dass sich zu sehr am Fleisch orientiert:

„Ihr, ihr urteilt nach dem Fleisch;     
Ich dagegen urteile über niemanden.         
Und wenn ich doch urteile,  
Ist Mein Urteil wahrhaftig!   
Denn ich bin nicht allein!     
Sondern ich und mein Vater, der mich gesandt hat!“ (Johannes 8:15-16)
.

All dies bedeutet, dass Jesus (‘Issa) der Sohn-Ibn ist, und dass es ein Leben in Gott gibt. Allah ist übrigens ein Wort, das im Plural steht, wie arabische Grammatiker wissen. Und doch ist er einer. Jesus (‘Issa) ist Gottes Gesandter (rasul) unter den Menschen; auf der Erde ist er das ‚Abbild‘ des Vaters und macht ihn uns bekannt. Wenn Gott wirklich lebendig ist, bleibt er nicht auf sich selbst beschränkt, er will sich offenbaren. Er will nicht nur Befehle erteilen, er will sich selbst mitteilen. Es steht geschrieben: „Niemand kann sagen: 'Jesus ist der Herr', wenn er nicht mit dem Heiligen Geist ist“ (1 Kor 12:3). Es ist der Heilige Geist (der Heilige Atem), der uns etwas von diesem Leben, das in Gott ist, spüren lässt.

 

 [1] PHILON von Alexandria, Légation à Caius, trans. Delaunay, Paris, Didier, 1870, S.310 (§ 118).

[2] Aus dieser Wurzel stammt das hebräische "Qiddusch", das Gebet über Brot und Wein am Schabbat, oder der Ausruf "Qadosh" "Heilig, heilig, heilig" der Seraphim im Tempel (Jes 6:3).